Das Wiener Programm für Frauengesundheit hat unter dem Namen „Bauch Beine Pommes“ eine neue Werbekampagne gegen Essstörungen bei Mädchen und jungen Frauen entwickelt. Ziel des gleichnamigen Youtube-Channels ist es, Mädchen und Frauen darin zu bestärken, ihren Körper zu mögen abseits von Diäten und Sportwahn.*

Neugierig geworden? Dann schau am besten schnell mal die drei Videos an, bevor du hier weiterliest.

Für die Videoschaufaulen: In den Videos sieht man Toni, Lifestyle-Influencerin, Alex, Ernährungsexpertin, und Lisa, Bein-Expertin. Drei junge Frauen, die Tipps für einen schönen Bauch, tolle Beine und gute Ernährung geben. Aber natürlich nicht auf klassische Social Media-Weise, sondern es geht darum, diese Trends lustig und in ironischer Weise aufzugreifen und zu thematisieren.

Sit-Ups werden beispielsweise mit einem Bissen Schokolade pro Sit-Up belohnt. Die Zuseher_innen werden motiviert, die Videos, aber auch ihren Bauch und ihre Oberschenkel zu liken. Squats werden mit Unterstützung eines Gymnastikballs gemacht, während eine zweite Person dabei anfeuert und Komplimente macht. Wenn jemand blöde Kommentare über das Essverhalten von sich gibt, kann man sich mit dem Powerfood Butter einreiben, damit die Kommentare „abgleiten“. Detox hilft dabei, sich zu entgiften – und zwar von Kalorientabellen. Um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Ich finde es sehr wichtig, auf das Thema Essstörungen aufmerksam zu machen und mit Kampagnen direkt die Zielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen anzusprechen. Jugendliche mit weniger spaßigen Themen zu erreichen ist allerdings eine ziemliche Herausforderung.
Wir Erwachsenen tendieren oftmals dazu, Kampagnen für Jugendliche zu entwerfen, indem wir krampfhaft versuchen, „cool“ zu sein – und das gelingt in den seltensten Fällen. So entstehen dann meistens Kampagnen, die Jugendliche superpeinlich und deppert finden.
Deshalb finde ich die Idee, einen Youtube-Channel zu diesem Thema zu machen, spannend und gut – wobei diese Meinung wieder meine Erwachsenensicht widerspiegelt. Fakt ist, dass Jugendliche sich viel in den sozialen Medien aufhalten und Youtube von der Zielgruppe stark genutzt wird. Ich glaube also, dass „Bauch Beine Pommes“ von der Grundidee, Jugendliche in ihrem nahen Umfeld aufzusuchen, sehr sinnvoll ist. Auch der humoristische Ansatz ist trotz eines ernsten Themas sicherlich gut gewählt.

Aber… Ich bin davon überzeugt, dass Mädchen und junge Frauen, die von Essstörungen betroffen sind oder zumindest in die Richtung tendieren, sich von diesen drei Videos überhaupt nicht angesprochen fühlen. Ich bin natürlich froh, dass die Macher_innen sich für drei sehr unterschiedliche Mädels entschieden haben, aber das gefällt mir als Erwachsener sicherlich besser als vielen jungen Mädchen. Die fühlen sich nämlich von einer jungen Frau mit Achselhaaren überhaupt nicht vertreten, genauso wenig wie von einem aus ihrer Sicht dicken Mädchen. Um genau zu sein zeigen die Videos genau das, was viele Mädchen mit Essstörungstendenzen vermeiden wollen. Auch wenn einem bewusst sein muss, dass es bei Essstörungen nicht vordergründig um einen flachen Bauch und dünne Beine geht, sondern darum, die Kontrolle über den eigenen Körper zurück zu erlangen und ihn ein bisschen zu spüren. Und das geht nunmal recht gut über Ernährung und Sport.

Die Videos von „Bauch Beine Pommes“ sind für mich als reflektiertere Erwachsene, die mit ihrem Körper im Reinen ist, lustig und die Ironie gefällt mir. Jugendliche, die mit ihrem Körper nicht so gut klar kommen, könnten sich dadurch aber verurteilt und nicht ernst genommen fühlen. Das sollte nicht Sinn der Kampagne sein…

Liest man sich die Kommentare unter den Videos durch, begegnet man zwar vereinzelt positiven Meinungen, die Mehrzahl der Kommentare ist allerdings negativ gestimmt. Von „Steuerverschwendung“ über „ausgeglichene und gesunde Ernährung-Shaming“, „die schauen ungesund aus“, „Geisterbahn“, „creepy“ und „kranker Lebensstil“ bis hin zu „fatceptance“ ist dort zu lesen. Das Urteil ist eher vernichtend und ich bin froh, dass ich keine der jungen Frauen bin, die in diesen Videos zu sehen sind. Auch wenn man bei solchen Kampagnen mit negativen Reaktionen rechnen muss, tun viele Kommentare unter den Videos sehr weh und sind schlichtweg unnötig und Bodyshaming at it’s best.

So sehr ich diese Hasspostings verurteile, muss ich leider sagen, dass die Kampagne für mich nach hinten los gegangen ist. Einerseits aufgrund der bereits erwähnten Problematik, junge Betroffene und deren Lebensrealität ins Lächerliche zu ziehen, und andererseits weil ungesundes Essen sehr stark im Fokus steht. Ich hätte mir gewünscht, dass nicht nur Pizza, Pommes und Schokolade erwähnt werden, sondern hier eine Mischung aus verschiedenen Lebensmitteln thematisiert wird. Denn ganz ehrlich: Wer ausschließlich Pommes und Co. isst, kann aus meiner Sicht nun wirklich nicht von gesunder Ernährung sprechen. Und das ist unabhängig von der körperlichen Statur der Person!

Ich hätte mir von einer Bodypositivity-Kampagne gewünscht, dass es um die Stärkung der eigenen Körperwahrnehmung und den Respekt sich selbst gegenüber geht statt Sport als doof abzustempeln und ausschließlich über ungesunde Lebensmittel zu sprechen. Zwischendurch kamen auch tolle Aussagen, die mir gut gefallen haben – diese werden aber leider von weniger gut gewählten Formulierungen und Statements überschattet.

Dabei fand ich die Idee und den Namen der Kampagne wirklich gut… Schade!

 

* Auch Jungen und Männer sind von Essstörungen betroffen, das ist klar. Nachdem die Videos aber von einer Institution für Frauengesundheit finanziert wurden, geht es in diesem Blogeintrag nur um Mädchen und Frauen. Mir ist aber wichtig, zu erwähnen, dass es auch männlichen Betroffene gibt und dass diese nicht vergessen werden dürfen.

 

 

 

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4 Replies to “Essstörungen: Wie man Jugendliche informiert – oder auch nicht.”

  1. Hallo,
    danke für deinen gelungenen Beitrag. Du hast etwas ganz Entscheidendes erwähnt. Es muss auf Essstörungen aufmerksam gemacht werden. Dem stimme ich dir heftig nickend zu. Den Ansatz dieser Kampagne finde ich gut, jedoch fehlt aus meiner Sicht sehr viel. Essstörungen haben nicht ausschließlich mit „Essen“ und „Sport“ zu tun. Es steckt so viel mehr dahinter.
    Auch ist nicht jeder, der sich selbst nicht akzeptiert automatisch essgestört. Essstörungen ist ein Krankheitsbild und eine Sucht, die in der Öffentlichkeit sehr oft anders dargestellt wird, wie sie in Wirklichkeit ist.
    Sehr gut finde ich auch deinen Nachsatz. Essstörungen kennen weder ein Alter, noch ein Geschlecht. Jeder kann an einer Essstörung erkranken, auch wenn es gern kategorisiert wird.
    Herzliche Grüße 🙂
    Michaela

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